Pro und Kontra Kernenergie

[Update] Dieser Post wurde vor der Katastrophe in Fukushima verfasst.

Kein Thema dieser Relevanz verdient Schwarz-Weiß-Malerei. Daher heute und hier tiefsinnige Gedanken zu dem heiß diskutierten Thema der Kernenergie in Deutschland. Ich will damit gerne eine sachliche Debatte anstoßen – noch lieber wäre es mir jedoch, wenn die Physikerin Frau Merkel eine solche Versachlichung anstoßen würde, welche dann am Besten in einem bundesweiten Volksentscheid für oder gegen Laufzeitverlängerung münden sollte.

Ich gehe nun auf einzelne Aspekte ein, die immer wieder in den letzten Monaten aufgekommen sind.

1 Demokratie

Es ist ein schlechtes Zeichen, wenn es in der Regierung Geheimverträge mit Atomkraftlobbyisten gibt und diese auch noch innerhalb kürzester Zeit durchgeboxt werden sollen – vorbei am Bundesrat. Auch der Atomausstieg ist so durchgeboxt worden. Aber kann dies als Rechtfertigung für die Regierungsentscheidung dienen? Und wie kann die Regierung gegen ihr Volk entscheiden: “77 % der Deutschen sind gegen eine Laufzeitverlängerung von 15 Jahren oder mehr, 48 % sind gegen jegliche Laufzeitverlängerung (Sommer 2010).”  – aus Wikipedia. Die Regierung rechtfertigt diese ‘Umgehung’ des Bundesrates indem sie sagt, dass dies Angelegenheit des Bundes sei. Die höheren Ausgaben z.B. für Castortransporte müssen allerdings die Länder tragen. Ein Widerspruch?

Weiterhin ist der Druck, den die Atomlobby im August auf die Regierung ausübte, sehr brisant: “Im August 2010 drohten die Energiekonzerne mit dem sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie: Sie wollen sofort alle Meiler abschalten, sollte die Bundesregierung bei ihren Plänen für eine Brennelementesteuer bleiben. Zuvor hatten die Stromversorger Versorgungslücken prognostiziert, sollten ihre Kernkraftwerke wie im „Atomkonsens“ geplant vom Netz gehen.” – aus Wikipedia.

Es wird auch eine Studie geben “pro Verlängerung der Atom-Laufzeiten” – teilfinanziert durch die Atomlobby, siehe Zeit.de. Aber irgendwie ist dieses Atomlobby-Regierungs-Techtelmechtel auch verständlich, es hat ja schon so angefangen – siehe Zeit.de.

PS: Geheimverträge scheinen in der deutschen Atomkraftpolitik durchaus üblich zu sein: “Der sog. Atomkonsens bietet den Betreibern die Möglichkeit, vor allem die Laufzeit der ältesten AKW zu Lasten neuerer Anlagen zu verlängern. So erreichte die EnBW durch eine Geheimabsprache zwischen BK Schröder und dem Vorsitzenden der EnBW Goll für das älteste deutsche AKW in Obrigheim eine Betriebsverlängerung um 2 ½ Jahre.” – aus antikwo.wosiweb.de und spiegel

2 Risiko

Wir hatten uns im Physikstudiumetwas intensiver mit den verschiedenen Kernkraftwerkstypen auseinandergesetzt. Dabei stellte sich heraus, dass der Reaktor in Tschernobyl ein spezieller, schon von der Physik her, unsicherer Typ war.

Das größte Risiko war und ist allerdings der Mensch. Bei Tschernobyl kamen zusätzlich zu physikalischen Mängeln andere schwerwiegende Probleme hinzu: Unwissenheit, Bedienungsfehler, Vorschriftsmissachtungen etc. Wer allerdings denkt, dass Tschernobyl der einzige atomare Unfall dieses Ausmaßes war, der täuscht sich: eine Liste ist hier oder hier etwas übersichtlicher zu finden. Interessant ist dabei der Unfall in der Anlage Majak, dieser wurde mehrere Jahre lang vertuscht. Auch in Deutschland, Amerika und Großbritannien wurden Störfälle mitunter Jahrzehnte lang verschwiegen. Das ist auch eines der Gründe, warum niemand mit gesundem Menschenverstand seine Kinder in der Nähe eines Endlagers oder AKWs spielen lassen würde. Nicht einmal ein Atomkraftbefürworter, denke ich.

Die deutschen Reaktortypen lernten wir auch kennen: die Leichtwasserreaktoren bei denen schwach angereichertes Uran (4%) notwendig ist. Sogar die Natur selbst schuf ähnliche Kernreaktoren. Diese Leichtwasserreaktoren sind zwar prinzipiell sicher, das Restrisiko Mensch bleibt jedoch bestehen. Eine besonders interessanter und inhärent sicherer Reaktortyp ist der sog. Kugelhaufenreaktor, bei dem es jedoch technische Probleme in Deutschland gab, wodurch ein Betrieb hierzulande ausgeschlossen werden kann.

Der radioaktive Abfall (Atommüll) wird uns folgende Probleme bereiteten:

  • Bei den Endlagern gehen wir ein hohes Risiko ein. Wer kann politische, geologische und finanzielle Sicherheit für diesen viele Jahre garantieren? Siehe Punkt 3 zum wirtschaftlichen Aspekt
  • Wiederaufbereitungsanlagen sind ein weiteres Risiko (siehe auch diese Referenz) und vervielfachen die Menge an radioaktiven Müll ganz erheblich.
  • Abgereichertes Uran hat also die ungewöhnliche Eigenschaft, daß auf lange Sicht seine Gefährlichkeit zunimmt – ein Effekt, der bei der Entsorgung zu berücksichtigen ist.” aus Abgereichertes Uran – Abfall der Kerntechnik. Dort wird auch auf das Große Risiko von Wiederaufbereitungsanlagen beleuchtet und eine pikante Notiz gemacht: “Die Verwendung von Uran in Alltagsartikeln schien dagegen schon längst Geschichte zu sein, als 1999 in Frankreich in gelbem Email-Pulver aus aktueller Produktion abgereichertes Uran als Farbstoff entdeckt wurde”. Wenn man weiter liest könnte man dem auch in Deutschland ansässigen Unternehmen Urenco schmutzige Geschäfte mit Russland vorwerfen.
  • Abgereichertes Uran wird recycelt, d.h. es wird weiter abgereichert und als Behältermaterial für stärkeren Atommüll verwendet oder im Militär als Munition verwendet. Letzteres wird perverserweise als “humane Bomben” bezeichnet [Interview], da deren Explosion exakt gesteuert werden kann.
  • Radioaktiver Müll wird von vielen Anlagen heutzutage einfach im Meer entsorgt. Weiterhin ist die Belastung durch Atombombenversuche unklar.

Bezüglich des Atommülls gibt es Hoffnung. Vor ein paar Jahren ist in sciencedaily (englisch; für einen dt. Artikel s. welt.de) ein interessantes Verfahren vorgestellt werden, das die sog. Transmutation für den Abbau von Atommüll nutzt. Nachzulesen auch im aktuellen Physik Journal (mit Dank an Herrn Stiegemann!). Das klingt zwar vielversprechend, wird aber auch große Kosten bei der Erforschung und letztlich auch bei der Durchführung mit sich bringen. Vorausgesetzt dieses Verfahren wird wirtschaftlich rentabel und birgt keine weitere Risiken.

Auch die Klimaerwärmung kann und wird den Atomkraftwerken und Endlagern gefährlich werden. Siehe dazu nochmals die Anlage Majak: “Am 9. August 2010 verhängten die Behörden in der Nähe der Anlage den Notstand, weil sich die Flammen der Anlage näherten.”

Es sollten weitere “Angriffsszenarien” eingehender überprüft werden: Terroranschläge, Flugzeugabstürze, Naturkatastrophen, …

Die Haftungssumme von ca. 3 Mrd € im Falle eines Unfalls sollte wegen der oben genannten Punkte noch einmal korrigiert werden. Im Falle Japans (2011) wird sehr deutlich, dass diese Summe im Katastrophenfall für die entstehenden Schäden auch nicht ansatzweise ausreichen würde.

3 Kostengünstig

Atomkraft ist kostengünstig? Für mich als Wirtschaftslaie ist das nicht leicht zu beurteilen. Aber stellen wir uns folgendes Szenario vor:

Nehmen wir eine Halbwertzeit von 10 000 Jahren an (bei Plutonium sind das 24 000 Jahre) und eine permanente Arbeitsstelle, die für diese Zeit auf ein solches Endlager veranschlagt wird. Wozu eine solche Arbeitsstelle nötig ist, wenn doch der Müll sicher unter der Erde verwahrt ist? Vorgeschrieben ist schon jetzt eine Sicherheitszone von mehreren Kilometern um das Endlager herum. Diese Zone muss ständig überwacht werden: Entnahme von Bodenproben etc.

Bei einem Jahresgehalt von 30 000 € sind das 300 Mio € pro Stelle für die Bewachung des Atommülls. Eine Stelle wird nicht ausreichen, es kommen Gefahrenzuschuss hinzu, Umräumaktionen (siehe Fall Asse), Kosten wegen Gegendemonstrationen und Verluste durch das erzwungene Brachliegenlassen dieser Bodenflächen über Jahrtausende.

Wir sprechen außerdem immer nur von der Halbwertszeit. Die Kosten werden also deutlich höher ausfallen als oben angenommen, es sollte von dem 10fachen ausgegangen werden! Nun kann argumentiert werden, dass durch eine Laufzeitverlängerung keine weiteren Kosten entstehen, da Lagerungsstätten ohnehin (auch ohne Verlängerung) bereitgestellt werden müssen. Jedoch muss man sich vor Augen halten, dass für jeden einzelnen Kubikmeter an Brennstäben über 100 m3 radioaktiven Mülls entstehen und uns zusätzlicher Müll auch zusätzliche Kosten und Probleme bereiten wird. Prognosen zur generellen Entwicklung des Atommülls wurden vom bfs aufgestellt. Aufgrund der Laufzeitverlängerung werden mehrere tausend Tonnen neuer Atommüll entstehen. Hier die Zahlen für die Schweiz: 2000 m3 pro Jahr. In Deutschland sind das ca. 3 mal so viel gemäß diesen Aussagen.

In Anbetracht dessen finde ich es entweder bedenklich, dass seitens der Regierung nur ca. 20 Mrd. als Steuer veranschlagt werden oder einfach nur sehr naiv, die Atomkraft als kostengünstig darzustellen. Siehe diesen Wikipediaartikel, die Brennelementesteuer, diesen Spiegelartikel oder diese aktuelle e-Petition.

Oder würden die Energieversorger für diese zusätzlichen Kosten aufkommen? Ich behaupte, dass die Atomkraft in einer freien, transparenten und aufgeklärten Marktwirtschaft keine Chance hätte.

4 Klimaveränderung

Atomkraft wird zur Stromerzeugung verwendet und übernimmt mit Kohlekraftwerken die Grundlasterzeugung. Kernenergie wird als klimaschonend propagiert, da der CO2-Ausstoß viel geringer ist als der von Kohlekraftwerken. Der Anteil von Atomkraft an der Primärenenergieerzeugung liegt bei rund 11%. Sollte dieser geringe Anteil die Klimaveränderung bremsen können? Sollten wir die Nutzung von Atomkraftwerken noch intensiver betreiben um z.B. Kohlekraftwerke bei der Stromerzeugung abzulösen?

In Atom-Lüge schreibt die Zeit: Atomkraftgegner sind Ignoranten oder einfach nur naiv. Klimaerwärmung ist viel schlimmer als Atomkraft! Der Artikel ist gut, dieses Argument jedoch nicht. Atomkraft wird nicht deshalb besser oder ungefährlicher weil es etwas noch gefährlicheres gibt. Wer definiert eigentlich, ob Klimaveränderung oder Kernenergie gefährlicher ist? Am Ende das Artikels steht dann genau dies: “Man kann die Gefahren der Atomkraft für größer oder die des Klimawandels für geringer halten, als sie hier geschildert werden. Aber wer im Lager der Atomkraftgegner hätte sich je mit solchen Fragen befasst?

Ganz bestimmt ist es schlecht auf Kosten von anderen Menschen auf dem Erdball den CO2-Ausstoß nicht zu reduzieren. Jedoch behaupte ich, dass Deutschland mit zusätzlichen Energiesparmaßnahmen und einer verbesserten Energieeffizienz technischer Geräte keine neuen Kohlekraftwerke braucht und gänzlich ohne Atomkraft auskommen würde. Studien dazu sind mir leider nicht bekannt. Lieber Leser, wenn Sie Studien kennen, die sich damit auseinandersetzen, fügen Sie diese bitte als Kommentar hinzu. Vorher noch dies bei Wikipedia nachlesen. Die aktuelle, von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Studie kenne ich schon.

Weiterhin würde man im Falle eines Atomausstiegs die alternativen Energien stärker subventionieren (müssen). Im Umkehrschluss bedeutet die Laufzeitverlängerung eine noch längere Abhängigkeit nicht nur von der Atomkraft, sondern auch von der Kohlekraft.

Noch etwas: Die Klimaveränderung wird sich negativ auf das Betreiben vieler Kraftwerke auswirken, da z.B. der Wirkungsgrad sinkt, wenn die Temperatur der Flüsse steigt. Gefährlich wird es, wenn Feuer, große Hitze, ungeheure Windstärken oder Sturmfluten dort auftreten, wo sie niemand vermuten würde. Hier ein aktuelles Beispiel aus Deutschland und das bereits o.g. Beispiel aus Russland.

5 Castortransporte

Hier fange ich mit einem Zitat aus dem Artikel “Sie können die Castoren besichtigen” von jetzt.de an: Während des Transports hat es sogar ein Vertreter von Greenpeace im Interview gesagt: ‘Wir wissen, der Zug kommt an. Aber es geht nicht um den Zug. Es geht um die Atompolitik.’

Dennoch: Hier werden auf jeden Fall zu viele Steuergelder in die Grube gefahren. Aber nicht nur die Demonstranten tragen Schuld daran. Die Regierung sollte einen weiteren bundesweiten Volksentscheid initiieren und sich mit der Endlagerung intensiv auseinander setzen, anstatt das Problem durch Laufzeitverlängerung zu vertagen. Dabei könnten wir uns die Schweiz als Vorbild nehmen: “Als wesentliche Bausteine für die relativ unaufgeregte Behandlung dieses sensiblen Themas gelten die Transparenz und die Mitgestaltungsmöglichkeiten, die das Nachbarland bei der Standortwahl an den Tag legt.” – aus der noz

6 Ausland

Warum Atomkraft in Deutschland abschalten? Danach müssten wir teure und eventuell sogar risikoreichere Energie aus dem Ausland importieren.

Ein starkes Argument, wie ich finde. Allerdings würde ich daraus nicht zwingend schlussfolgern: Atomkraft verlängern! Sondern Atomausstieg für alle! In diesem Sinne, können ja auch Sie, geneigter Leser, über einen Ausstieg nachdenken und auf regenerative Energien umsteigen z.B. beim Strom.

7 Fazit

Gerne können Sie hier sachlich kommentieren. Für weitere Links, die unseren Argumentationshorizont erweitern, bin ich sehr dankbar, egal ob pro oder contra Atomkraft.

Die Recherche hierzu hat zwar die Zweifel reduziert, die ich auch als Physiker an der notwendigen Technik für Kernkraftwerke und Endlagerung hatte. Jedoch haben sich bei mir mit der fortschreitenden Recherche immer größere Zweifel an der politischen Machbarkeit eingestellt. Sogar in einer modernen Demokratie, wie sie Deutschland zum Glück noch ist, befürchte ich, dass Lobbyismus und Intransparenz an der Tagesordnung sind und das Risiko von Kernenergie in untragbarer Weise erhöhen.

8 Weiterführende Links

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